„Nur, wer Start-ups kennt, kann sie für sich nutzen“

David Stephenson, Referent für Innovation und Entrepreneurship der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern, spricht mit unserer Autorin Tonia Sorrentino über die Zusammenarbeit von Start-ups und Mittelstand – und darüber, wie findige Gründer Unternehmen dabei unterstützen können, den digitalen Wandel zu meistern.

Herr Stephenson, halten Sie es für sinnvoll, dass Start-ups und alteingesessene Unternehmen zusammenarbeiten?

David Stephenson Foto: privat

Wer als Unternehmen innovativ vorangehen oder bei der Digitalisierung von neuen Entwicklungen profitieren will, sollte das Start-up-Geschehen im Blick haben. Es gibt viele Formen der Zusammenarbeit, die je nach Unternehmenslage sinnvoll sind. Natürlich gibt es Unterschiede in der Unternehmens-DNA zwischen Etablierten und den neuen Start-ups. Aber allein die möglichen Vorteile, die sich für beide aus diesem Mix ergeben, sind einen näheren Blick wert.

Wie können kleinere oder mittelgroße Unternehmen (KMU) so etwas angehen?

Zunächst müssen sich KMU darüber klar werden, welche Produkte und Dienstleistungen oder auch Kompetenzen und Denkarten eines Start-ups bereichernd sein können. Und welche Ziele sie in diesem Zusammenspiel selbst verfolgen. Ehrlichkeit und Offenheit sind ein wichtiges Erfolgsrezept für Kooperationen. Nur aus Hype-Gründen, „auch etwas mit einem Start-up zu machen“, sollte man nicht in eine Geschäftsbeziehung starten. Das gilt bei Start-ups genauso wie bei anderen Kooperationen auch.

Wie kann so eine Bereicherung inhaltlich aussehen?

Zum Beispiel können technologiegetriebene Start-ups dabei helfen, neue Entwicklungen voranzutreiben und dadurch eine Technologieführerschaft auszubauen beziehungsweise zu erhalten. Für KMU ist dieser Aspekt besonders wichtig, denn sie sind oftmals Vorreiter oder Marktführer in Nischen-Technologien. Als ein solcher gilt es, sich über Trends und neue Technologieentwicklungen auf dem Laufenden zu halten und die eigene Position im Markt – auch gegenüber aufstrebenden Start-ups – zu beobachten.

Und wenn eine solche Tech-Führerschaft nicht besteht?

Auch, wer mittel- oder langfristig das Know-how in der eigenen Firma ausbauen und qualifizierte Fachkräfte rekrutieren möchte, kann die Interaktion mit Start-ups suchen. Das geht zum Beispiel über Projektkooperationen oder Workshops mit Start-ups. Auch können Entwicklungen oder bestimmte Prozesse ausgelagert und dadurch eigene Kapazitäten extern ergänzt werden. Überlebt eine Innovationsgründung die kritischen Anfangsjahre nicht, profitieren Unternehmen, die bei gemeinsamen Projekten die Start-up-Belegschaft kennenlernen und eventuell übernehmen konnten. Für KMU bietet sich somit die Chance auf gut ausgebildete und hoch motivierte Fachkräfte mit mehrheitlich akademischem Bildungshintergrund. Das ist besonders interessant mit Blick auf den bestehenden Fachkräftemangel diverser Branchen sowie zur Fachkräftesicherung gerade an ländlichen Standorten. Zudem „verjüngen“ solche Start-up-Mitarbeiter in vielen Fällen das Unternehmen. Auch das Image kann dadurch aufgeschlossener und dynamischer wirken – und dadurch neue, junge Bewerber anlocken. Aber auch ohne die Neuanstellung von Mitarbeitern im Hinterkopf können etablierte Unternehmen bestimmte Herangehensweisen von Start-ups fürs eigene Unternehmen testen. Zumal dynamische Neugründungen oft agil und durchdigitalisiert arbeiten.

Stichwort Digitalisierung: Worin liegen die Vorteile von digitalen Produkten aus dem Start-up-Umfeld?

Start-ups entwickeln häufig digitale Lösungen, die sich schnell skalieren lassen. Aber sie arbeiten auch selbst meist schlank – sprich: agil – und digital. Das ist für KMU ebenfalls eine Chance. Zum Beispiel, um deren digitale Dienstleistungen fürs eigene Unternehmen einzukaufen. Oder, um in Kooperation mit diesen Start-ups eigene zeitgemäße Digitalprodukte zu entwickeln.

Warum ist Agilität für Start-ups so wichtig?

Start-ups sind als fragile Unternehmen auf eine nutzerzentrierte und schlanke Produktentwicklung angewiesen. Sie müssen sehr schnell und effizient sein. Deshalb entwickeln sie ihre Produkte parallel und binden immer wieder potenzielle Kunden ein – auch ohne fertiges Produkt. Nicht umsonst nennt man diese skalierbaren Unternehmen „Start-up“. Es geht um Reichweite, Wachstum, neue Märkte. Das bedeutet wiederum, dass Start-ups gute Partner für KMU sind, die auch zu neuen Produkten, Prozessen und in neue Märkte aufbrechen wollen.

Was, wenn sich KMU den Einkauf entsprechender Lösungen finanziell nicht leisten können?

In manchen Bundesländern – etwa Bayern – gibt es Förderprogramme, die KMU zum Beispiel beim Kauf von Digitalisierungssoftware mit bis zu 10.000 Euro unterstützen. Das ist eine gute Hilfe beim Einkauf von Start-up-Lösungen. Auch werden gemeinsame Forschungs- und Entwicklungsprojekte von Bund und Ländern gefördert. Unternehmen können sich bei Förderfragen an ihre jeweilige IHK wenden.

Welche Botschaft würden Sie Unternehmen mit auf den Weg geben?

Die Zusammenarbeit mit Start-ups birgt viele Vorteile für die Etablierten. Ebenso vielfältig sind daher auch die Formen der Zusammenarbeit. Vom losen Austausch über das klassische Käufer-Verkäufer-Modell bis hin zu strategischen Investments und gemeinsamen Entwicklungsprojekten: Die Bandbreite ist groß. Besonders wichtig ist es für KMU, vor jeder Zusammenarbeit die eigenen Ziele gut zu kennen. Sprich: Was genau bringt das Start-up ein, von dem mein Unternehmen profitieren kann? Für die konkrete Zusammenarbeit sollten auch klare Absprachen getroffen werden, denn immerhin kommen dabei zwei sehr unterschiedlich agierende Unternehmenstypen zusammen.

Und wie gehen das Unternehmen am besten an?

Der wichtigste erste Schritt für Unternehmer ist es, sich in die Startup-Szene zu begeben. Es gibt so viele Demo Nights, Businessplan-Wettbewerbe, Hackathons und Pitch-Events, auf denen aktuelle Startup-Teams und Innovationen präsentiert werden. Fest steht: Nur, wer Start-ups kennt, kann sie für sich nutzen.

Es fragte: Tonia Sorrentino


KooperationsKompass Mittelstand & Startups
Wissen, Werkzeuge und Wege zu einer erfolgreichen Zusammenarbeit von mittelständischen Unternehmen und Start-ups bietet eine Broschüre der IHK München und Oberbayern. Weitere Informationen gibt es bei David Stephenson, Referent Innovation und Entrepreneurship, unter Telefon 089 5116-1162 oder per E-Mail: david.stephenson@muenchen.ihk.de


Das Interview mit David Stephenson führten wir anlässlich unserer aktuellen Titelstory „So gelingt die digitale Transformation“ (POSITION I/2019). Darin geht es insbesondere um den Wandel in der Bildungslandschaft und darum, wie sich Unternehmen darauf einstellen können, um konkurrenzfähig zu bleiben. Auch Start-ups kommen zu Wort.

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