Erst null, dann voll Bock

Schlafen beim Lernen
Eintönige Arbeit kann für manche Azubis zum Einschlafen sein.
Wer als Azubi immer nur eintönige und wenig anspruchsvolle Arbeiten machen darf, fühlt sich schnell unterfordert. Das führt zu Frust, mangelnder Motivation und im schlimmsten Fall zum Ausbildungsabbruch. Unternehmen sollten deshalb gegensteuern und für mehr Abwechslung sorgen.
Agnes Mayer
Agnes Mayer
Freie Journalistin

Das Verpackungsunternehmen Kemapack wirkt dem entgegen, indem es seinen Auszubildenden selbstständige Aufgaben überträgt und für Abwechslung bei den Ausbildungsinhalten sorgt. Denn für Unterforderung gibt es Anzeichen, und mit den richtigen Maßnahmen lässt sich vorbeugen.

„Ich habe das Gefühl, nichts zu lernen, und langweile mich extrem. Langsam leiden sogar die Noten in der Berufsschule darunter. Im ersten Jahr war ich noch richtig gut. Aber jetzt habe ich absolut keine Motivation mehr.“„Ich bin im zweiten Lehrjahr und muss in meiner Firma immer noch nur Sachen machen wie Aktenordnen und Kaffeekochen.“ In Internetforen tauschen sich Azubis anonym darüber aus, was sie sich am Arbeitsplatz nicht anzusprechen trauen. Denn Unterforderung ist in Unternehmen noch immer ein Tabu, das kaum wahrgenommen wird.

Kemapack Azubis
Der Ausbildungsplan für die Azubis Patrick Ruf, Bettina Baur und Michelle Kraus (v.l.) ist abwechslungsreich aufgebaut © Agnes Mayer

Individuelle Kommunikation als Schlüssel

„Das Thema Überforderung in der Ausbildung ist allgegenwärtig und es gibt viele Unterstützungsangebote. Nicht so aber, wenn das Gegenteil vorliegt“, erklärt Sabrina Schuster, Referentin bei „Stark für Ausbildung“. Das gemeinsame Ausbilderportal des DIHK und der Zentralstelle für die Weiterbildung im Handwerk (ZWH) sensibilisiert daher dafür, Anzeichen zu erkennen und entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Denn nicht immer stecke hinter einer Null-Bock-Laune immer gleich eine Unterforderung. Herausfinden könne man das aber nur in einem vertrauensvollen Gespräch.

So kam man dem auch bei der Kemapack GmbH auf die Spur. Das Verpackungsunternehmen mit Standort im bayerischen Landsberg am Lech achtet bereits auf viel Abwechslung, um Langeweile vorzubeugen – egal, ob in der Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann, zur Fachkraft für Lagerlogistik oder im Dualen Studium zum Handelsfachwirt. Doch nicht immer reicht das aus. Daher legt die Ausbildungsleiterin Romina Wirth viel Wert auf eine offene Kommunikation und sucht regelmäßig das Gespräch. Das half ihr schnell zu reagieren, als sich eine der derzeit vier Auszubildenden an sie wandte, und kurzerhand passte sie deren Ausbildungsplan an.

Eigentlich sieht der vor, dass alle Azubis zunächst im Lager eingesetzt sind, bevor sie die anderen Abteilungen durchlaufen. Dort sollen sie alle Maschinen und Materialien kennenlernen, die das Unternehmen für die Logistik und den Paketversand produziert. „Weil die Auszubildende jedoch eine besonders schnelle Auffassungsgabe besitzt, fand sie sich dort nach kürzester Zeit bereits mit den Produkten zurecht“, erzählt Romina Wirth. „Wir haben dann den Abteilungswechsel früher als geplant umgesetzt. Damit konnten wir ihren Lernwillen belohnen und gleichzeitig eine Unterforderung vermeiden.“

Eigenverantwortung & selbstständiges Handeln

Daneben fördert Kemapack seine Auszubildende regelmäßig durch eigene Projekte zu mehr Eigenverantwortung und selbstständigem Handeln. So können die Azubis zudem ihre individuellen Fähigkeiten und Stärken zeigen. Zuletzt organisierten sie zum Beispiel den jährlichen Elternabend. Im Vorfeld erstellten sie dafür gemeinsam eine Präsentation, kümmerten sich um das Catering und klärten untereinander ab, wer die Eltern beim Besuch begrüßt und durch die Produktionshallen führt. Ebenfalls als Azubi-Projekt entstand in Eigenregie ein Imagefilm zur Gewinnung neuer Auszubildenden, der sogar in den Kinosälen der Region lief. „Die Azubis sind immer mit Freude und Tatendrang dabei“, erinnert sich Ausbildungsleiterin Romina Wirth. Ihre Motivation sei dann in Form des Engagements spürbar, mit dem sich alle miteinbringen.

Abwechslung und Vielfalt schaffen für mehr Motivation, sodass Azubis auch langfristig im Unternehmen bleiben – das ist es auch was Sabrina Schuster von „Stark für Ausbildung“ rät: Ein durchdachter Ausbildungsplan mit klar definierten Inhalten verhindert, dass die Lust am Beruf bei den immergleichen, einfachen Hilfsarbeiten verloren geht. Daneben sollte man für Auszubildende, die sich beim Lernen und Umsetzen der Ausbildungsinhalte besonders leichttun, passende Projekte und Zusatzqualifikationen anbieten.

Förderung für unterforderte Azubis

Reden, reden, reden: Regelmäßige Gespräche mit den Azubis stärken das Vertrauen. Ausbilder haben so die Gelegenheit, sich Feedback zu den Ausbildungsinhalten einzuholen und zu erfahren, welche Erwartungen und Wünsche es gibt. Unterforderung lässt sich so rechtzeitig erkennen.

Eigenverantwortung zulassen: Besonders gefordert und gefördert fühlen sich Azubis, wenn sie selbst etwas auf die Beine stellen dürfen. Azubiprojekte beflügeln die Kreativität.

Zusatzqualifikationen anbieten: In weiterführenden Kursen können sich Azubis nach ihren eigenen Interessen und Neigungen weiterbilden. Dafür bieten sich zum Beispiel Sprachkurse, IT-Workshops oder sogar ein Auslandsaufenthalt an. So entwickeln sie zudem individuelle Fähigkeiten.

Über eine Verkürzung nachdenken: Bei Auszubildenden, die besonders schnell Inhalte umsetzen können oder bereits Erfahrung mitbringen, kann auch eine Verkürzung der Ausbildungsjahre in Betracht gezogen werden. Diese sollte aber wohlüberlegt sein.

Inspirationen holen: Das Ausbilderportal „Stark für Ausbildung“ sammelt unter stark-fuer-ausbildung.de Tipps für den Umgang mit unterforderten Azubis und stellt praktische Maßnahmen vor. Zudem werden über die IHKs passende Qualifikationen mit Fort- und Weiterbildungen zum Thema angeboten.

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