„Künstliche Intelligenz birgt jede Menge Chancen und Potenziale“

Mirko Drotschmann alias MrWissen2go
Der YouTuber und Journalist Mirko Drotschmann in seiner privaten Küche © Stefan F. Sämmer
Als "MrWissen2Go" ist es Mirko Drotschmanns Kerngeschäft, via Webvideo mit Menschen zu kommunizieren und ihnen auch komplizierte Sachverhalte leicht verständlich nahezubringen. Welche Chancen er in der Digitalisierung von Lerninhalten sieht und wo das Online-Learning noch Nachholbedarf hat, darüber berichtet er im Interview.
Tonia Sorrentino
Tonia Sorrentino
Journalistin für Recruiting & Human Ressources © Anna Schwartz
Video zum neuen POSITION-Titelthema

Der Journalist und Autor Mirko Drotschmann (*1986) ist als MrWissen2go auf YouTube bekannt. Seine Produktionsfirma objektiv Media GmbH produziert Videos für den DIHK-YouTube-Kanal Like a Boss. Bevor der gebürtige Baden-Württemberger, der für das ZDF die TV-Sendung „Terra X“ moderiert, einen Teil seiner Arbeit auf das Internet verlagerte, zum Beispiel mit dem ZDF-YouTube-Kanal Terra X Natur & Geschichte, arbeitete er unter anderem bei der ZDF-Kindernachrichtensendung logo!.

Herr Drotschmann, inwieweit hat die Corona-Pandemie die Digitalisierung hierzulande aus Ihrer Sicht beeinflusst?

Corona ist ein starker Treiber gewesen. Das Interesse an digitalen Inhalten und die Bereitschaft, sie auch zu nutzen, sind deutlich gestiegen. Die Plattformen, die ich mit meiner Firma objektiv media produziere, weisen im Vergleich zu Zeiten vor der Krise teilweise doppelte bis dreifache Nutzerzahlen auf. Gleichzeitig haben sich auch das digitale Lernen und die Wahrnehmung dessen verändert. Beides ist groß geworden. Es gibt ein immer stärkeres Bewusstsein dafür, dass es im Netz eine große Menge an Lernangeboten gibt und man diese – mit Abstrichen – auch nutzen kann. Ein großer Teil der Nachfrage auf unseren Online-Video-Plattformen stammt zum Beispiel von Schülern während des Lockdowns. Leider wurden viele von ihnen in der Zeit, in der sie zuhause lernen sollten, mit dem schlichten Verweis auf das Internet allein gelassen.

Mit welchen Konsequenzen?

Dass Online-Angebote stärker genutzt werden, ist die eine Seite. Aber man muss auch wissen, welche man nutzt und wie. Das ist die andere Seite: die Qualitätssicherung. Darum geht es bisher leider noch eher weniger. Erst vor Kurzem habe ich eine Studie über das Verhalten von Schülern in Deutschland, Österreich und der Schweiz gelesen. Ein Ergebnis ist, dass jeder fünfte Schüler in der Anfangszeit der Corona-Pandemie pro Woche nicht mehr als zehn Stunden mit schulischen Inhalten verbracht hat, obwohl das so vorgesehen war. Eine Ursache davon war, dass die Schüler nicht wussten, was sie machen sollten, weil sie seitens der Lehrer keine Informationen erhalten hatten. Das liegt eher nicht an den Lehrern selbst, sondern an der Struktur.

Die Schulen hatten und haben meist kaum Möglichkeiten des Dialogs über physische Distanzen. Natürlich gibt es auch solche, die von Tag eins an Webvideokonferenzen organisiert haben. Aber viele andere haben das Thema einfach zu lange schleifen lassen und sind bis heute damit ziemlich überfordert. Das ist ein großes Problem, weil es massiv die Chancengleichheit beeinträchtigt. Das gilt zwar auch für andere Bildungseinrichtungen, aber bei Schulen ist das Ergebnis extrem.

Wie könnten Lehrer konkret gegensteuern, auch ohne größere strukturelle Veränderungen?

Sie sollten ihre Schüler nicht mit der Aufforderung stehenlassen, „mal im Internet zu gucken“. Stattdessen sollten sie passende Links vorab aussuchen und den Schülern zur Verfügung stellen. Genauso wichtig ist es, ihnen das passende Werkszeug an die Hand zu geben, um zum Beispiel gute von schlechten Videos im Internet zu unterscheiden, damit sie eine Orientierung haben und nicht einfach wahllos jedes Video anschauen. Grundsätzlich aber entwickelt sich Digitalisierung gerade sehr spannend. Auch, wenn die Pandemie natürlich riesige gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Probleme erzeugt, hat sie in diesem Feld Chancen eröffnet. Digitalisierung hält noch viel Potenzial bereit.

Wie lässt sich der Zurückhaltung gegenüber künstlicher Intelligenz und digitalen Inhalten begegnen und gegensteuern?

Indem man sie erklärt. Künstliche Intelligenz birgt jede Menge Chancen und Potenziale, aber auch Gefahren beziehungsweise Risiken. Das muss man den Menschen darlegen und veranschaulichen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Corona-App, über sie herrscht noch viel Unwissen. Man muss den Menschen ganz klar sagen, was mit ihren Daten passiert – und was nicht. Und wie sie das einzuschätzen haben. Sobald sie Bescheid wissen und das Gesamtpaket bewerten können, sind sie auch aufgeschlossener gegenüber dem jeweiligen Produkt oder der Dienstleistung. Das ist das zentrale Element aller neuen Technologien. Über die vergangenen Jahre hinweg konnte man aber immer mehr Aufgeschlossenheit gegenüber der Digitalisierung beobachten. Das Informationsvolumen zu digitalen Themenbereichen ist ebenfalls gewachsen. Kann man sich adäquat über etwas informieren, ist man auch viel eher zur Nutzung bereit. Und wenn sich einmal etwas etabliert hat, lassen sich auch viel mehr Menschen darauf ein.

Welche Herausforderung sehen Sie in der Bereitstellung digitaler Lerninhalte?

Die zentrale Herausforderung ist, die Inhalte nicht zu kompliziert sowie zur Zielgruppe passend zu gestalten. Was ich als nächstes sage, klingt banal, ist aber ebenso essenziell: Zunächst muss man selbst richtig gut über das Thema Bescheid wissen, das man online vermitteln will. Denn das klappt erst, wenn man es selber verstanden hat. Man kann sich dabei zum Beispiel die Frage stellen, was einem selbst prägnant erschien und was hängen geblieben ist. Das alles schreibt man dann in eine Art Drehbuch. Ebenso wichtig ist es, stringent eine Linie zu verfolgen und nicht zum Beispiel drei, vier Fragen in einem einzigen Video zu beantworten. Das ist zu viel. Es sollte um eine Leitfrage gehen, die dann Schritt für Schritt beantwortet wird. Sonst verliert man Nutzer auf dem Weg. Eine gute Dramaturgie kann auch durchaus unterhaltende Elemente beinhalten.

Veranschaulichen Sie das doch bitte einmal am Videoformat auf dem DIHK-YouTube-Channel „Like a Boss“, das Ihr Unternehmen produziert.

Der Ansatz ist, die Wissensweitergabe unterhaltsam und in leicht konsumierbaren Häppchen zu gestalten. Es werden nicht einfach Fakten weitergegeben, sondern locker, abwechslungsreich und aus Sicht der Zielgruppe ansprechend dargestellt: junge Menschen, die kurz vor Start oder Ende oder mitten in einer Ausbildung stecken. Wir bereiten Fragen zu Themen auf, welche die Leute in diesem Lebensabschnitt beschäftigen. Dazu ist es wichtig, sich genau in die Zielgruppe hineinzuversetzen.

Wenn Sie einen Wunsch in Sachen Digitalisierung frei hätten, welcher wäre das?

Von den Entwicklern digitaler Lerninhalte wünsche ich mir, dass sie sich nicht in abstrakten Überlegungen verlieren, sondern sich mit den praktischen Problemen des Alltags auseinandersetzen und Lösungen dafür finden. Da sich KI überall einsetzen lässt, könnte man einen Schwerpunkt auf den sozialen Bereich legen. Von den Nutzern auf der anderen Seite würde ich mir mehr Experimentierfreude wünschen. Deutsche gelten generell ja eher als technikskeptisch. Aber wir sollten uns auf mehr einlassen. Und wenn es nichts für uns ist, dann lassen wir es eben wieder sein. Ein Weg dahin könnte sein, sich Digitalangebote anzuschauen, die sich bereits bewährt haben, und sich davon ermutigen und motivieren zu lassen, sich weiter mit KI zu beschäftigen.

Ein Blick in die Glaskugel: Wie stellen Sie sich das Online-Lernen der Zukunft vor?

Die Angebote werden sich immer weiter verbessern, ihre Anzahl wird steigen. Schüler werden nicht mehr zig Bücher mit in den Unterricht nehmen. Das meiste wird digital ablaufen, zum Beispiel mit Videos. An Universitäten könnten vermehrt Veranstaltungen virtuell stattfinden, sodass Interessierte ortsunabhängig daran teilnehmen können. Ich schätze, in den nächsten zehn bis 15 Jahren werden wir soweit sein, und ich freue mich auf diese Zeit in der Hoffnung, dass die Medienkompetenz gerade von jüngeren Menschen bis dahin verbindlich gestärkt ist, zum Beispiel in Form eines deutschlandübergreifenden Schulfachs. Der richtige Umgang mit digitalen Inhalten ist außerordentlich wichtig – und stellt sich auch bei Digital Natives nicht automatisch ein.

Vielen Dank für das Gespräch.

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