Soziale Kompetenz ist erlernbar

FREYA-Azubis engagieren sich einmal jährlich im Palmengarten. © Freya KG
Fachliches Talent und Know-how reichen bei weitem nicht aus, um im Berufsleben voranzukommen. Längst sind auch sogenannte Soft Skills ein wichtiger Erfolgsmotor. Der Grundstein hierfür wird in der Ausbildung gelegt.
Sabine Schritt
Sabine Schritt
Freie Journalistin und Redakteurin

Kooperieren, Kommunizieren, Reflektieren, Verantwortung übernehmen, Konflikte lösen, Kritik aushalten – auf die jungen Leute prasseln in der Ausbildung neben dem fachlichen Lernen auch zahlreiche soziale Herausforderungen ein. „Berufsausbildung ist auch Persönlichkeitsentwicklung“, betont Marco Weißer, Buchautor und Inhaber effico Institut für Aus- und Fortbildung. Er ist überzeugt, dass der Stellenwert der sozialen Kompetenzen nicht hoch genug bewertet werden kann. „Dies ist auch eine enorme Verantwortung für die Ausbilder, die in vielen Unternehmen nicht genügend wertgeschätzt und anerkannt wird“, meint Weißer.

Je nach Vorbildung und persönlichem Umfeld bringen die Jugendlichen ganz unterschiedliche Voraussetzungen mit, was es für die Ausbilder nicht gerade leicht macht, jeden Einzelnen richtig abzuholen „Der Ausbilder ist die wichtigste Bezugsperson für einen Auszubildenden im Betrieb. Nur ein Ausbilder, der mit sich selbst im Reinen ist, klare Werte und Haltungen vertritt, kann diese Anforderungen zum Wohle der Auszubildenden und des Unternehmens bewältigen“, so Weißer.

Viele Ausbildungsabbrüche seien auf zwischenmenschliche Gründe zurückzuführen. Oft würden beiderseitige Erwartungen nicht klar kommuniziert. „Aus Frust schmeißen viele Azubis schnell alles hin.“ Viele Unternehmen unterschätzten zudem die Wirkung einer positiven Feedback- und Fehlerkultur. „Nichts blockiert mehr, als die Angst Fehler zu machen.“ Die jungen Menschen bräuchten Freiräume, sich ausprobieren zu können.

Rollen im Unternehmen verstehen

„Viele Unternehmen haben den hohen Stellenwert von sozialen Kompetenzen in der Ausbildung inzwischen erkannt“, weiß Jürgen Vieth, Geschäftsführer der Alea GmbH. Das Unternehmen bietet ausbildungsbegleitende Workshops an, bei denen Kommunikation, Zusammenarbeit und Reflexionsfähigkeit im Fokus stehen. „Praktische und intuitive Lernumgebungen fördern soziale Kompetenzen auf vielfältige Weise.“ In Outdoor-Projekten werden zum Beispiel gemeinsam mit Auszubildenden und deren Ausbildern Spielplätze gebaut, die später feierlich an den Nutzer übergeben werden. „Die jungen Menschen lernen im Projekt, mit Herausforderungen angemessen umzugehen und diese als Chance und nicht als Bedrohung zu begreifen“, erklärt Vieth. Nur nicht so schnell aufgeben, auch das ist Teil des Lernprozesses. „Denn die Frustrationstoleranz ist nicht bei allen Auszubildenden hinreichend ausgebildet“.

Eine Rollenverteilung, wie es sie auch im Unternehmen gibt – vom Projektleiter bis zum Kommunikationsbeauftragten – schärft das Rollenverständnis und gibt Aufschluss über eigene Ambitionen und Fähigkeiten. Jugendliche erreiche man über solche Projekte außerhalb des Arbeitsplatzes sehr gut, und viele zeigten dabei mitunter sogar ganz erstaunliche soziale Talente, so Vieth. Die gemeinsamen Erfahrungen und Erkenntnisse könnten später gut in den Ausbildungsalltag transferiert werden.

„Viele Jugendliche zeigen bei der Rollenübernahme in Projekten ganz erstaunliche soziale Talente.“

Jürgen Vieth, Geschäftsführer der Alea GmbH

Tipps zur Förderung der Sozialkompetenz

  • Kommunizieren Sie Ihre Erwartungen.
  • Führen Sie regelmäßige kommunikative Prozesse ein.
  • Geben Sie zeitnahes Feedback.
  • Setzen Sie praktische und intuitive Lernverfahren ein.
  • Etablieren Sie eine positive Fehlerkultur.
  • Leben Sie Haltung und angemessenes Handeln vor.

Fehler sind ausdrücklich erlaubt

Gabriele Schnorrenberg, Ausbildungsverantwortliche im Reformhaus FREYA in Frankfurt am Main, setzt von Beginn an auf eine Beziehung auf Augenhöhe mit ihren zwölf Azubis. Offenheit und Vertrauen bilden für sie Basis für ein gelungenes Miteinander. Fehler machen ist ausdrücklich erlaubt, regelmäßiges Feedback hilft, das eigene Verhalten zu reflektieren. In wöchentlichen Treffen findet ein ehrlicher Austausch statt, gemeinsame Kochabende stärken das Gemeinschaftsgefühl und fördern die Kommunikation. In ehrenamtlichen Engagements lernen die jungen Leute nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere Verantwortung zu übernehmen.

Klare Haltung vorleben

So engagieren sich die FREYA-Azubis schon seit vielen Jahren bei den Sonderausstellungen im Frankfurter Palmengarten und betreuen die Besucher bei den Führungen. Eigens zu dem Anlass bereiten die jungen Leute eine besondere Köstlichkeit zu, die sie dann an die Besucher ausgeben. Das mache sie auch fit im Umgang mit Kunden, die ja sehr unterschiedlich seien, so Schnorrenberg. Ihr ist es wichtig, dass die jungen Leute lernen, selbstbewusst auch mit „schwierigen Zeitgenossen“ umzugehen. Dafür bekämen sie jederzeit den nötigen Rückhalt im Unternehmen. „Das Reformhaus FREYA ist geprägt von seiner genossenschaftlichen Tradition, in der Werte wie Fairness und Gerechtigkeit hochgehalten werden. Das möchten wir auch unseren Auszubildenden vermitteln.“

Schnorrenberg sieht die Ausbilder grundsätzlich in der Pflicht, jederzeit eine klare Haltung vorzuleben. „Man muss sich immer wieder bewusst machen, dass die jungen Menschen gerade erst im Berufsleben angekommen sind und sie im Umgang mit sich selbst und mit anderen noch viel lernen müssen.“

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